Happy Places: Café Wildes Leben [Mainz]

Mainz Wildes Leben

Ich entdecke nicht mehr allzu oft neue, schöne Cafés in meiner Heimatstadt Mainz. Das liegt nicht daran, dass es in Mainz keine neuen, schönen Cafés gibt, sondern viel mehr daran, dass ich in den seltensten Fällen die Zeit finde, wirklich mit Absicht in ein Café zu gehen. Meist bleibe ich in der Nähe von Marktplatz und Ludwigsstraße und verbinde Verabredungen mit Besorgungen praktisch miteinander.

Zu oft bleibe ich bei den gewohnten Tischen dort hängen oder setze mich aus Bequemlichkeit und zum Leute gucken in die Gaustraße, weil die näher ist als die Mainzer Neustadt. Dabei findet man dort echte Schätze. Über die letzten Jahre hat sich eine viel gepriesene Cafékultur etabliert. Während wir uns in meiner Jugend noch in den Filialen der Systemgastronomie oder in der Eisdiele trafen, lädt die Mainzer Neustadt heute in ihre wunderschönen, liebevollen und individuellen Cafés, die nur so vor Charme und Wärme strotzen. 2013 machte in der Wallaustraße zum Beispiel das Café Wildes Leben auf. Viele meiner Freunde schwärmten davon, feierten dort Geburtstage, brunchten und besuchten Workshops. Ich ging auf Reisen, zog nach Köln und brauchte sage und schreibe zwei Jahre, um endlich einmal hinter die hübsch gestaltete Glasfassade zu schauen.

Mainz Wildes Leben

Das Skelett eines Pferdekopfes thront würdevoll über der Theke. Im Gastraum schweben Origamivögel aus Packpapier und auf den rustikalen Möbeln blühen fröhliche Blumenarrangements. Es ist 10 Uhr an einem Sonntagmorgen und mein Bruder und ich haben endlich mal wieder die Zeit gefunden zusammen zu Frühstücken. Als wir ins Café kommen ist noch nichts los. Gerade hat Alex die Tür geöffnete und wuselt geschäftig zwischen Küche und Theke hin und her. Sie blickt auf, grüßt herzlich und wir setzen uns an einen der vielen Tische.

 

Ich fühle mich wohl. Endlich kein Vintage mehr. Endlich schön und modern und dennoch individuell. Auf der großen schwarzen Wand gegenüber der Theke steht die (einzige) Speisekarte. Die Produkte sind alle frisch und von den regionalen Bauern, erzählt mir Alex. Sie entschuldigt sich dafür, dass sie mir nichts glutenfreies anbieten kann. Veganes Essen gibt es ne ganze Menge. Ich bestelle einen Obstsalat, ein veganes Sandwich mit Roter Beete, Hummus und Rucola und einen frischen Ingwertee mit Honig.

 

Café Wildes Leben

Philipp ist begeistert. Auf seinem Frühstücksbrettchen für Faule findet er von allem, das ein sich normal ernährender Mensch nur träumen kann. Dazu nimmt er ein Pöttchen von der leckeren Avocadocreme und trinkt einen Kaffee. Wir sind glücklich. Im Hintergrund laufen Feist und Kings of Convenience, draußen scheint die Sonne und ich finde, dass ein Sonntag nicht schöner anfangen könnte. So viel Liebe auf so wenig Raum. ‚Wir kommen beide aus ganz anderen Berufsfeldern‘, sagt Alex. ‚Nina hat Buchwissenschaften studiert und ich komme aus der Pädagogik‘. Irgendwann war beiden klar, dass sie nichts anderes tun wollen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, als ein Café zu betreiben. Und wahrscheinlich hätte das nicht besser laufen können. Der Laden füllt sich schnell, während wir dort sind: Pärchen, Studenten und eine junge Familie kommen herein, essen, quatschen und gehen wieder.

 

Wildes Leben Speisekarte

Die beiden Mädels kennen sich tatsächlich aus dem Reitstall. Und so ist das Pferdeskelett und die Wallart über einer Sitzgruppe keine pietätlose Deko, sondern eine Hommage an das, was sie lieben und was sie zusammen gebracht hat. Überhaupt ist das Interieur besonders. Alles ist hell, ohne zu blenden. Die riesigen Fensterfronten und die weißen Wände finden in den schweren Holz- und Metallmöbeln ihr Gegengewicht. Die unebenen und groben Holzplatten der Tische und Bänke verlieren Gewicht, durch die leuchtenden Farben der Blumen. Nichts stört. Alles erscheint zufällig und stimmig. Und als ich erfahre, was dahinter steckt, gefällt es mir noch mehr: ‚Upcycling ist so unser Ding. Das wenigste ist wirklich neu. Das Holz stammt von alten Baugerüsten. Heute werden statt der Bohlen Metallplatten verwendet. Gemeinsam mit einem Schreiner haben wir sie zu unseren Möbeln gemacht.‘

 

MainzWildesLebenCafe

Während wir uns unterhalten, die Atmosphäre aufsaugen und der Musik lauschen verfliegt die Zeit. Um zehn vor eins muss ich los, weil ich noch verabredet bin. Nicht etwa, weil ich unbedingt weg will. Das (wahrscheinlich leckerste vegane) Sandwich(, das ich je gegessen habe,) ist knusprig und würzig und frisch und lecker. Tee und Obstsalat schmecken so, wie man sich’s wünscht. Das Personal ist freundlich, hübsch und engagiert. Es gibt nichts zu meckern. Ich würd’ ja gern.

Im Wilden Leben finden neben dem Gastrobetrieb auch Workshops statt, die Mädels vermieten die Location zu fairen Preisen für Privatveranstaltungen und wer selbst Raum für Kurse, Treffen oder Stammtische sucht, findet in Alex und Nina die besten Ansprechpartnerinnen. Ein besonderes Highlight sind wohl die Wohnzimmerkonzerte. Am 6.6. findet das letzte dieser Art vor der Sommerpause statt. Es spielt: Dynarchy. Ich bin mir ziemlich sicher: vorbeischauen lohnt sich.

 

Wildes Leben Avocadocreme

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