Was los war…

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Zu viel. Alles kam gleichzeitig. Ich hätte es wissen müssen. Ich wusste es nicht. Und plötzlich war ich drin. Ein überraschend tiefes Tief. Weil alles gleichzeitig da war und ich nicht mehr wusste, was ich tun sollte. Und das war mir zuvor noch nie passiert.

Eine Quarterlifecrisis ist kein Scherz, hab ich vermerkt. Ich wusste ja noch nicht mal, dass es das gibt. Die letzten Wochen waren sehr anstrengend. Ich bewegte mich irgendwo zwischen den fragenden, bewundernden und mitleidigen Blicken meiner Freunde und Kollegen hin und her und außer mir war wahrscheinlich jedem klar, dass ich bald an meine Grenzen stoßen würde. Ich kam von einer wunderschönen Reise zurück und wusste im Prinzip, dass ab jetzt alles anders werden würde. Das war Ende Juli. Mein Freund zog in eine andere Stadt, weil man ihm einen fantastischen Job angeboten hatte und klar war, dass ich im November für einige Monate auf Weltreise gehen würde. Ich vertiefte die Vertragsverhandlungen mit einem Verlag, der mir ein Buchprojekt vorgeschlagen hatte und bereitete mich auf mein Examen und meine Weltreise vor. Und löste meine Wohnung auf. Und schrieb Blogposts.

Es staute sich langsam an. Ich merkte, dass ich meine Freude am Bloggen verlor. Bevor du fragst: ich weiß nicht warum. Es hatte als Hobby begonnen und sich irgendwie von selbst weiter getragen. Ich habe einen Award gewonnen, ich wurde in Zeitschriften gefeatured und zuletzt hat eben dieser wirklich tolle Verlag mich gefragt, ob ich ein Buch schreiben möchte. Ich war Feuer und Flamme. Das ist DIE Chance, dachte ich mir. Eine Woche lang lag der vom Verlag bereits unterschriebene Vertrag vor mir und wartete darauf, dass auch ich meinen Namen auf die Linie auf der letzten Seite schreiben würde. Ich konnte nicht. Immer und immer wieder laß ich, welche Verpflichtungen ich eingehen würde, welche Rechte ich abgeben würde und was ich wann einreichen müsste. Verlage meinen das nicht so. Aber es sind wirtschaftliche Betriebe, die das Beste aus ihren Projekten ziehen müssen. Ich wollte nicht mehr.

Ich erhielt Nachrichten von meinen Lesern. Wo mein Newsletter bleibe. Warum ich nichts mehr online stellte. Ich wusste die Antwort, aber ich gab sie ihnen nicht. Nur mir selbst: Ich hatte keine Lust mehr. Liefern zu müssen. Damit meine Statistiken hochbleiben. Steigen. 20 000 Klicks hatte ich in den letzten Monaten durchschnittlich auf meiner Seite. Zwischen 8 und 10 000 unterschiedliche Menschen haben meinen Blog gelesen. Und doch hat mir das keinen Anschub gegeben, etwas neues zu schreiben. Warum daran festhalten, wenn es mir keinen Spaß macht? Warum Angst haben, jemanden zu enttäuschen, etwas zu verpassen oder zu verlieren, wenn man eigentlich nicht einmal weiß, ob man das überhaupt fühlen wird, wenn man sich erstmal dazu entscheidet, eine Ära zum Ende kommen zu lassen. Warum nicht einfach sagen: ‚Jetzt reicht’s, ich geh. Bis hier hin war’s super, jetzt habe ich keine Lust mehr‘. Meine lieben Freundinnen Karin, Annalena und Denise haben sich sehr viel Zeit genommen um mit überraschend viel Verständnis mit mir über alles zu sprechen. Denise war auch in das Buchprojekt involviert aber sie machte mir keine Vorwürfe. Annalena und Karin waren einfach nur da. Für mich. Ich durfte heulen, fluchen, mich über das Buchprojekt auskotzen (Stress, Zeit, Konditionen, Zeit, Stress…) und dabei hatten die drei immer nur Verständnis und sagten im Prinzip nichts anderes als ‚Ich verstehe dich sehr gut. Mach was du möchtest. Denk daran: wenn du jetzt ’ne Pause vom Bloggen machst, passiert erstmal gar nichts, also überleg, ob du wirklich alles hinschmeißen willst oder nur Pause brauchst, bevor du diesen Blog löschst. Ich werde dich vermissen.‘ Als ich auflegte war mir erstmal gar nicht klar, wie recht sie hatten.

In den vergangenen Wochen ist viel passiert. Ich habe Entscheidungen getroffen, die mich befreit haben. Ich beendete die Vertragsverhandlungen mit dem Verlag und entschied, nichts mehr zu posten, bis ich mein Examen in der Tasche hatte. Und ich dachte viel nach. Was will ich genau jetzt?

Frei sein.

Und deshalb habe ich entschieden, zwar weiter zu bloggen, aber ein bisschen anders als bisher. Ich werde in den nächsten Monaten nicht versuchen mich an irgendwelche Regeln zu halten. Ich werde mir keinen Redaktionsplan schreiben. Ich werde posten wann ich will und über was ich will. Und natürlich werde ich über gesunde Ernährung schreiben. Und über happy places (denn davon wird es auf meiner Reise sicherlich einige geben). Ich werde dir von Menschen erzählen, die mir begegnen und die mich inspirieren und ich werde meine Tipps mit dir teilen, wenn sie mir über den Weg laufen.

Die letzten Wochen haben mich ein bisschen verändert. Ich habe mich in Situationen gesehen, die ich seit Jahren nicht mehr erlebt hatte. Ich fühlte mich allein, obwohl alle um mich herum für mich da waren. Ich wusste nicht mehr, was ich will. Ich schlief schlecht und weinte viel. Ich musste mich mit vielen Fragen auseinandersetzen, die meine Einstellung zum Leben angingen und fühlte mich so gelähmt und unglücklich wie seit Jahren nicht mehr. Ich war gelangweilt. Ich zweifelte ununterbrochen an mir selbst und an jeder einzelnen Entscheidung, die ich traf. Ich wollte einhundertsiebenunvierzig mal am Tag den Kopf in den Sand stecken.

Und jetzt?

Jetzt sitze ich zum letzten mal auf dem Boden meiner leeren Wohnung in Köln, mein Examen in der Tasche. Ich weiß immer noch nicht, was ich will. Aber immerhin komme ich damit gerade ganz gut klar. Ich denke an die Menschen, zwischen denen und mir sich etwas verändert hat. Manchmal müssen wir Situationen verändern, damit wir diese Menschen nicht verlieren. Manchmal müssen wir Chancen ziehen lassen, damit wir uns selbst nicht verlieren. Und manchmal ist die größte Angst die wir haben, dass genau das schief geht. Aber während all dem Frust und aller Traurigkeit und der Angst vor der falschen Entscheidung dreht sich die Erde weiter und das Leben schreitet fort und wenn man gerade denkt, dass die Welt nie wieder so schön wird, wie sie einmal war, fängt die Zeit schon wieder an die Wunden zu heilen, das Herz lernt wieder, alleine zu schlagen und die Gedanken geben Ruhe, sodass man wieder eine ganze Nacht lang schlafen kann. Ich hätte diese Phase nicht umgehen können. Ich glaube, sie musste sein. Was jetzt kommt, wird kommen. Und ich kann es kaum erwarten.

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  1. says

    Schöner und ehrlicher Artikel! Nimm dir all die Zeit, die du brauchst und mach das, was dich glücklich macht :)

    Liebe Grüße
    Lena

  2. says

    Liebste Lina, ja, es ist leider so, dass manchmal wirklich ein Crash in welcher Form auch immer passieren muss, um einen bereits eingeschlagenen Weg wieder zu verlassen und neue Pfade, glücklichere zu finden. Wer ältere Frauen auf Veranstaltungen nicht verhungern lässt, ist ein toller, guter Mensch. 😉 Ich werde diese ehrliche und spontane Aktion nie in meinem Leben vergessen! Bleib in deinem Inneren so wie du bist und passe deine äußeren Umstände an, dann wirst du auch wieder wissen wohin der Weg geht. Bussi aus Salzburg, Claudia

    • Lina says

      So lange es Inspirationsquellen gibt, die zeigen, dass sich Weitermachen lohnt, ist alles gut :* (womit ich sagen will, DANKE fürs du sein!)

  3. says

    Liebe Lina,
    ich freu mich sehr, dass dein Blog uns erhalten bleibt :), aber verstehe auch (zumindest soweit man das als Außenstehende kann) deine Gedankengänge und den Zwang, den man oft dahinter sieht. Sich neu zu sortieren tut manchmal gut und ich bin sicher, deine Leser bleiben dir treu, wenn du deinen Blog einfach weiterhin mit so ehrlichen Worten führst, wie du sie in deinem Posting geschrieben hast :*
    Liebe Grüße,
    Daniela

  4. says

    Liebe Lina,
    danke für deine so ehrlichen Worte die mich sehr berühren. Besonders dieser Satz „Manchmal müssen wir Chancen ziehen lassen, damit wir uns selbst nicht verlieren“ bringt mich zum Nachdenken.
    Viel zu viele Entscheidungen treffen wir in unserem stressigen Alltag überhastet und am Ende bereuen wir sie vielleicht sogar ein wenig.
    Ganz große und wahre Worte die du hier mit uns teils – vielen Dank dafür!
    Liebste Grüße und bis bald
    Carina

    • Lina says

      Carina!

      Was freue ich mich, euch bald zu sehen! Danke für deine liebe Nachricht! Tut so gut! :*

  5. says

    Liebe Lina,
    Danke für deine Worte. Nach wie vor trauen sich viele nicht, mal Dinge einfach auszusprechen – als ob man sich nicht auch einfach mal Auskotzen dürfte. Dabei tut auch das mal gut. Wir sind alle zerbrechlich und vergessen manchmal, auf uns selbst zu hören und zu achten.
    Alles Gute für dich und genieße deine Reise!
    Marina

    • Lina says

      Liebe Marina,

      vielen Dank für deinen lieben Kommentar! Das gibt Mut und Lust, immer wieder weiter zu machen!

      Alles Liebe,
      Lina

  6. says

    Liebe Lina,

    ich kann dein Gefühl so gut nachvollziehen. Manchmal wird alles zuviel. Da geht es gar nicht anders als sich eine Auszeit zu gönnen. Eine Pause zu machen, um sich selbst wieder zu sammeln ist da das Beste was du tun kannst.

    Gerade bei einer Belastung wie ein Examen, oder bei mir bspw. ein Diplom. Danach habe ich mir auch erstmal einige Zeit im Ausland gegönnt. Um mich neu zu orientieren. Zu begreifen, dass mir mein Hobby bitte auch noch Spaß machen soll und ich nicht dort auch noch Druck haben muss. Deswegen gibts bspw. bei mir auch mal 14 Tage Funkstille auf dem Blog. Und ich denke nur: Na und?! Manchmal geht mein normales Leben vor. Viel zu Schade, die ganzen neuen Dinge die ich erfahre nicht voll auszukosten nur weil ich im Stress bin und Termindruck habe. Dann lieber Innehalten. Durchatmen und einfach Sachen die schon ewig in der Warteschlange hängen, doch mal löschen.

    Das befreit ungemein und ist wichtig!
    Spiel nach deinen Regeln, denn nur dann wirst du glücklich. Und das ist es doch, worum es gehen sollte, oder?

    Viele liebe Grüße,

    Claudia