Body-Detox: Warum nicht jeder Sport machen soll…

laufen

Ich hatte große Erwartungen an ein Seminar, dass ich gegen Ende meines Masterstudiums bei einem meiner Lieblingsdozenten belegte: Sports and the American Culture. Anstatt die üblichen Formalia am Anfang des Semesters zu klären, schmiss mein Dozent eine Frage in den Raum, von der ich dachte, die Antwort zu wissen: ‚What is a sport?‘

Zu versuchen die Frage mit unterschiedlichen Beispielen zu beantworten (Tennis, Football, Eiskunstlauf…) scheiterte. Was hatten all diese Sportarten gemeinsam? Es gab Regeln, Punkte, Gewinner. Einer sagte ‚Joggen, Krafttraining und Fitnessstudio!‘. Mein Dozent überlegte, bot ‚Oh, so working out in general, you think?‘ an und verdeutlichte, dass es einen Unterschied zwischen dem deutschen ‚Sport machen‘ und dem Englischen ‚do sports‘ gibt. ‚Sports‘ hat etwas mit System und Wettkampf zu tun. Mit besser-sein und gewinnen. ‚Working-out‘ hingegen ist das typische ‚Sport machen‘: Laufen am Rhein, Muckibude, Fitnessvideos. In sämtlichen Zeitschriften, Webseiten und Fitnessblogs wird suggeriert, dass jeder Mensch Sport machen sollte. Ich denke, dass das nicht stimmt. Ich glaube, dass Bewegung für jeden ist, Sport aber nicht.

Nicht jeder soll Sport machen.

Sport zu machen setzt immer eine gewisse Systematik voraus. Zum einen eine organisatorische Systematik, zum anderen eine mentale.

Organisatorisch verlangt Sport von dir Zeit, Planung und Equipment. Ein lockerer Trainingslauf von 3-5km kann schon eine gute halbe Stunde in Anspruch nehmen. Mit Dehnen und Duschen gerne eine ganze. Trainierst du im Fitnessstudio oder machst einen Mannschaftssport, so musst auch noch die Anfahrt mit einbeziehen. Eventuell spielst du auch am Wochenende Turniere. Du verdienst vermutlich kein Geld mit deinem Sport, weshalb er nach deinem Job höchstens zweite Priorität haben wird. Also musst du Zeit finden oder dir Zeit nehmen, um deine Workinghours herum. Du brauchst Laufschuhe, Badeanzug, Schienbeinschoner, Tennisschläger, Fahrradhelm und die nötigen Scheinchen, um selbige und eventuelle Mitgliedschaften zu finanzieren. Sport kann ganz schön teuer sein.

Die mentale Systematik besteht in dem Ziel, das du dir setzt. Willst du abnehmen? Dann kann Sport dir helfen, aber du und ich wissen beide, dass man deutlich weniger verbrennt, als man denkt. Muskeln helfen deiner Verbrennung, aber sie wollen sukzessive aufgebaut werden und das wiederum verlangt Zeit. Vielleicht planst du eine Teilnahme an einem Volkslauf oder einem Marathon, willst mit deiner Mannschaft die Klasse halten oder einmal die Woche beim Kicken in der Vereinshalle die Jungs und Mädels aus’m Dorf treffen. Dann hast du ein Ziel.

Kannst du dich mit keinem der oben genannten Aspekte identifizieren, dann solltest du dich nicht gezwungen fühlen, Sport zu machen. Keiner sollte sich gezwungen fühlen, Sport zu machen. Jeder hingegen, jeder sollte sich gut fühlen.

Jeder sollte sich gut fühlen.

Als ich dreizehn war, hörte ich auf zwei bis drei mal pro Woche zum Leistungsturntraining zu gehen. Es war von einer großen, fast selbstverständlichen Leidenschaft zu einem verhassten Termin geworden, den ich mehr oder weniger hinter mich brachte, weil ich ihn bis dato eben schon immer hatte wahrgenommen, an den Dienstagen und Freitagen meiner frühen Jugend. Ich hasste es. Plötzlich hatte ich Schiss. Ich hatte Angst, einen Handstandüberschlag über den Sprungtisch zu machen, weil ich mir vorstellte, wie ich urplötzlich allen Schwung verlieren würde und so stürzen würde, dass ich mir alle Knochen brechen würde. Ich hatte plötzlich Angst, am unteren Holm des Stufenbarrens mein Bein durch die gestützten Arme zu fädeln, weil ich immer hängen blieb und befürchtete, mir mein Schienbein aufzuschrammen. Beim Flickflack auf der Bodenbahn brach ich kurz vorher ab, weil mir schwante, dass ich mit vollem Schwung auf dem Rücken landen würde und vom Schwebebalken ließ ich mich lustlos auf die Weichbodenmatte fallen, um zu umgehen, dass ich bei der Radwende mit den Händen abrutschen und dem Gesicht auf der Kannte des Balkens landen würde. Ich fühlte mich nicht gut. Ich hörte auf und fühlte mich besser.

Ich war dreizehn, hörte auf, Leistungssport zu machen, den ich hasste und aß, was ich liebte: Pizza. Ich nahm zu. Kilo für Kilo. Ich wurde älter und sammelte die entwürdigen Kommentare meiner Mitschüler (nicht, dass ich je fett im Sinne von massiv übergewichtig gewesen wäre, aber junge Menschen sind grausam und taktlos und tragen selten dazu bei, dass sich ein negatives Selbstbild ins Positive wandelt.) Die erste Zeit meines Studiums verbrachte ich in Trier, mit dem ich aus Prinzip nicht warm werden wollte. Frustration und Langeweile trieben mich sportlos auf mein Höchstgewicht (BMI 27). Ich war unglücklich und fing an, das Laufen zu lernen, was ich bis heute beibehalten habe. Ich denke rückblickend, dass ich damals sehr nah an einer ernsthaften Depression war, aus der mich das Laufen herausgehalten hat. Zurück in meiner Heimatstadt Mainz nahm ich ohne es zu merken 5 Kilo ab, fuhr mit dem Fahrrad zur Uni und auch überall sonst hin, genoss mein Leben und war glücklich. Das bin ich bis heute. Wirklich. Es kommen immer wieder Höhen und (mitteltiefe) Tiefen, aber ich weiß heute besser damit umzugehen.

Yoga hilft mir, nicht verrückt zu werden.

Als ich im letzten Jahr mein Referendariat angefangen habe, richtete ich gleichzeitig meine Wohnung ein, baute eine Ikea-Küche quasi im Alleingang auf, lebte über einen Monat lang ohne Kühlschrank und ging beruflich durch eine der stressigsten Phasen meines Lebens. Das alles wurde nicht besser, als in meinem Privatleben einige Veränderungen hinzukamen, die eine Menge Kompromisse und Arrangement verlangten.  Ich kam an meine Grenzen. Gerade noch war ich alleine einmal um die Nordhalbkugel gereist, hatte zuvor mein Apartment aufgelöst, in dem ich zwei Jahre lang alleine gelebt hatte, hatte meine Abschlussarbeit eingereicht und alles immer alleine gemanagt. Und plötzlich stand mitten in meiner halb fertigen Wohnung und fing aus heiterem Himmel an zu weinen. Rotz. und. Wasser.

Als ich mich wieder beruhigt hatte, schlug ich meinen Laptop auf und googlete ‚Yoga-Studio Köln‘. Ich ging am selben Abend in meine erste Yogastunde und blieb. Ein ganzes Jahr lang. Ich verbrachte Stunden, in denen ich vor Kraftlosigkeit 90 Minuten lang auf der Matte lag, ohne mich zu bewegen. In anderen schossen mir die Tränen in die Augen vor Wut, weil ich meinen Körper nicht weiterbringen konnte. Ich lernte, meine Alltagsemotionen wahrzunehmen und zuzulassen. Ich nutzte die eineinhalb Stunden dazu, alles andere zu vergessen und mich nur auf mich zu konzentrieren. Dass ich ganz nebenbei meinen Körper vor den typischen Schreibtischverspannungen bewahrte und unbewusst in (etwas mehr) Form brachte, war ein wunderbarer Nebeneffekt. Manchmal ging ich 4-5 Mal die Woche zum Studio, manchmal zwei Wochen am Stück gar nicht. Es war egal. Ich begann, auf meinen Körper zu hören und das war wichtig.

Was du tun solltest:

Wir wissen also jetzt, dass Sport nicht für jeden etwas ist. Aber es lässt sich auch nicht verleugnen, dass Bewegung für deinen Körper jetzt und auch mit Blick auf die Zukunft, unabdingbar ist um den Bewegungsapparat in Gang zu halten. Dafür musst du aber keinen Marathon laufen und auch nicht der Synchronschwimmtruppe beitreten, wenn du weder Ausdauersport noch Wasser sonderlich gut leiden kannst. Bei Bewegung sollte es darum gehen, dass du etwas tust, das dir gut tut und das von dir nicht mehr verlangt, als du (finanziell, zeitlich, mental) möglich machen kannst. Wenn du mich fragst, dann ist das das Folgende:

  • Nimm die Treppen statt des Aufzugs oder der Rolltreppe
  • Ride your Bike!
  • Nutze Werbepausen im Spielfilm für 10 Hampelmänner oder Sit-Ups
  • Gewöhn dir an, nach dem Abendessen eine Runde um den Block zu laufen. Oder zwei.
  • Ziehe in Erwägung, abends vor dem Schlafengehen ein bisschen Rückengymnastik zu machen.
  • Schau dir mal das Programm deines lokalen Sportvereins an! Viele Vereine haben ein sehr vielfältiges Angebot zu winzigen Preisen (teilweise unter 10 € im Monat). Öffentliche Schwimmbäder haben meist kostengünstige Aqua-Fit-Kurse.
  • Entdecke alte Hobbies wieder: Du hasst Joggen, aber Inline-Skating mochtest du früher schon super gerne? Dann pack die alten Teile wieder aus!
  • Kino oder Tanzen? Tanzen! Wusstest du, dass du in einer durchtanzten Nacht mehr verbrennen/mobilisieren kannst, als bei einem 5 Km Lauf?
  • Erinnere dich daran, dass jede noch so kleine Bewegung besser ist als der Stillstand und:
  • HÖR AUF DICH. Zwing dich zu nichts, was dir keinen Spaß macht, genieße was dir gut tut!

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  1. Theresa says

    Hi Lina,
    Super Blog-Post, denn mit deinen Worten fasst du meiner Meinung das Thema rund um Sport super zusammen! Ich habe auch für ein halbes Jahr Yoga gemacht, und es geliebt. Dein Text hat mich wirklich zum grübeln gebracht, ob ich nicht wieder damit beginnen sollte, denn eigentlich gab es nur positive Seiten daran!
    Alles liebe, und einen schönen Tag wünsch ich!

    • Lina says

      Liebe Theresa!

      Es freut mich, dass ich dir wieder einen kleinen Motivationsschub verpassen konnte! Ich hoffe, dass du bald mal wieder ins Yoga gehst und dich wieder so gut fühlst, wie damals!

      Alles Liebe und Namasté,
      Lina

  2. says

    Hallo Lina, was für ein toller Bericht. Ich musste mich auch erstmal sportlich finden, da ich an sich nicht der Sportfan bin, da ich ALLES was ANSTRENGEND ist, hasse! Über deinen Spruch „Yoga hilft mir, nicht verrückt zu werden.“ musste ich übrigens wahnsinnig lachen. Kann ich 100%ig teilen. LG Janine

    • Lina says

      Liebe Janine,

      aber GENAU SO geht’s ja den meisten! Danke, dass du deine Gedanken hier teilst! alles Liebe!

      Lina