Life-Detox: Zeit, sich zu trennen…

ausmisten

Ich miste gerne aus. Zeitschriften, kaputte Strumpfhosen, abgelaufene Marmelade. Ein Handgriff. Weg damit. Anders sieht es aus, bei Klamotten, Schmuck und Büchern. Geschirr auch. Warum? Um das zu verstehen braucht man eventuell die folgenden zwei Informationen. 1. Ich bin sehr sentimental. 2. Mein Großvater ist letzten Herbst gestorben.

Zweiteres bedingt, dass ersteres wieder massiv gegriffen hat, als ich zuletzt im Januar versucht habe, mich von der geerbten Weihnachtsdekoration meiner Großeltern zu trennen. Schließlich habe ich bis zu meinem fünfzehnten Lebensjahr in jeder Adventszeit die kleinen Figuren im Wohnzimmer platziert, durfte immer die kleine Pappbox öffnen und hoffen, dass wieder ein neues Schokolädchen darin zu finden sein würde und liebte den Geruch der Weihnachtstischdecke, wenn meine Großmutter sie am ersten Advent aufschlug und auf dem Wohnzimmertisch platzierte. All diese Erinnerungen steckten in der labberigen orangeroten Pappkiste, in der meine Großeltern ihre Weihnachtsdekoration aufbewahrten und die meine Mutter mir Ende November überreichte, damit ich gucken konnte, was ich daraus noch verwenden wollte.

Ich brauchte nichts. Wirklich. Ich wollte alles behalten, aber brauchen tat ich wirklich nichts. Ich entschied, dass ich unser Wohnzimmer einmal so dekorieren würde, wie ich das gerne hätte, und dann rigoros alles wegschmeißen würde, was es nicht in die Auswahl geschafft hatte. Gesagt getan. Ein befreiendes Gefühl. Ich füllte mein neues Repertoire in eine hübsche neue Pappkiste und stellte die ursprüngliche Kiste in den Flur, um sie zeitnah zu entsorgen.

Ein paar Tage später saß ich Schuhe bindend im Flur auf dem Boden. Ich schaute auf die Kiste und laß die Karte, die von außen darauf haftete. In alter deutscher Schrift stand dort die erste Adresse meiner Großeltern nach der Flucht aus Halle an der Saale, der ostdeutsche Versandhandel, bei dem meine Großmutter bestellt hatte und der Name der Vermieterin, bei der sie wohnten.

familie

Und plötzlich zerschlug sich meine Ambition, die Kiste auf dem kalten Asphaltboden zu zertreten und in den Pappmüllcontainer im Hinterhof meiner Kölner Mietwohnung zu stopfen. Ich konnte nicht. Die Namen meiner Großeltern auf dieser Karte zu lesen, zu wissen, dass all diese Stationen ihres Lebens von denen ich immer gehört habe, wirklich existiert hatten (nicht, dass ich das wirklich angezweifelt hätte, aber plötzlich hatte ich diesen Beweis, den ich nie verlangt hatte). Diese alte, zerfledderte Kiste war von einer Sekunde auf die andere zu einem Beleg geworden, dass es meine Großeltern wirklich gegeben hatte. Dachte ich. (Die etlichen gemeinsamen Jahre, die fünfundzwanzig Photoalben über meine Kindheit und den zwanzig Zentimeter dicken Ordner mit unserer Familienchronik im Keller meines Elternhauses waren mir egal. Oder ich hatte nicht an sie gedacht…)

Das ist natürlich im Prinzip unwichtig. Für dich wahrscheinlich kein bisschen von Bedeutung. Oder du kennst genau das. Diese irrationale Verbundenheit zu den Dingen. Denn ich habe schließlich bis letztes Jahr ohne diese Pappkiste gelebt. Und was soll ich sagen…seit mein Freund sie einfach entsorgt hat, als ich einmal nicht da war (er wusste nichts von meinem plötzlichen Sentimentalismus), vermisse ich sie auch gar nicht. Aber im Moment des Entscheidens…da hätte ich mir das nie nie niemals vorstellen können. Und interessanterweise geht es vielen Menschen so. Bei ganz unterschiedlichen Dingen. Verrückt eigentlich. Ich fühlte mich erleichtert. Und wusste, es ist Zeit etwas zu tun.

SichTrennen

Ich hab mir überlegt: Was brauche ich wirklich?! Was nervt mich ohnehin schon die ganze Zeit? Was nimmt unnötigen Platz weg und was sind wirkliche Erinnerungsstücke? Und dann habe ich angefangen auszumisten. Zunächst meinen Kleiderschrank. Kleider haben eine interessante Funktion für mich. Ich gehe nicht gerne shoppen. In Deutschland gefällt mir in den seltensten Fällen etwas. Meist kaufe ich Kleidung, wenn ich unterwegs bin. Das heißt dann aber auch, dass jedes Kleidungsstück für eine Reise steht oder für einen Moment mit meinen Freundinnen jenseits des Ozeans, die ich zu selten sehe. Oder sie stehen für eine bestimmt Phase in meinem Leben. Wie gesagt…ich bin sehr sentimental. Mein Bruder sagt, dass ich mich an jeden letzten Mist erinnern kann. Das stimmt nicht ganz so, aber ich habe viele Erinnerungen an emotionale Moment in der Vergangenheit (auch weit zurück und sehr detailliert). Das ist nicht sehr konstruktiv, wenn man sich seines Besitzes, den man seit langem mit sich führt, schwungvoll entledigen möchte. Auf der anderen Seite spricht das auch ein bisschen für die glückliche Kindheit, die ich mit meiner Familie erlebt habe. Ich möchte mich also nicht so richtig beschweren. ABER: Wir (du und ich.) können einen entscheidenden Schluss daraus ziehen, um herauszufinden, warum wir an den Dingen so hängen.

Abschiednehmen

1. Wir trennen uns nicht, weil wir in der Vergangenheit feststecken.

Überleg doch mal! Erinnerungen sind verknüpft mit Momenten, die in der Vergangenheit liegen und an die wir heute noch gerne zurück schauen. Wir projizieren diese Erinnerungen auf Objekte und denken, dass, wenn wir die Objekte aus unserem Leben verbannen, wir dann auch unsere Erinnerungen aus unserem Leben drängen.

Tatsächlich können Objekte Erinnerungen triggern. An konkrete Augenblicke, an Phasen unseres Lebens oder an ganz besondere Gefühle. Sie sind, wie der Adressaufkleber auf der Weihnachtsdekorationskiste, eine Art Dokument. Ein Beweis, dass es dieses Gefühl oder diese Situation gab. Doch wenn man überlegt, wo die Erinnerung stattfindet, dann merkt man, dass unser Kopf und unser Herz eine wichtige Rolle spielen. Wir prägen uns die Dinge ganz besonders gut ein, wenn sie in einem hochemotionalen Kontext stattfinden. Dazu gehört, dass man mit allen Sinnen wahrnimmt. Geräusche, Düfte, Farben. Und unser Hirn speichert das ab. Und das ist super. Denn darauf kann man immer zurückgreifen, völlig unabhängig davon, ob man eine orangerote Pappkiste im Flur stehen hat oder nicht. Damit möchte ich nicht sagen, dass man sich von allem trennen soll, was einen an jemanden oder etwas erinnert. Aber, es ist auf jeden Fall mal die Überlegung wert, zu schauen, was der beste Trigger ist. Das Villeroy & Boch Geschirr meiner Großmutter, dass ich so gerne zum Sonntagsfrühstück verwende. Oder die Kommode, der Teppich und die Stehlampe, die ich jeden Tag in meinem Wohnzimmer vorfinde. Oder einfach die unendlichen Erinnerungen, die in meinem Herzen warten. Auf den Moment, in dem eine Dame in der Fußgängerzone an mir vorbeihuscht und eine zarte Note 4711 hinter sich her zieht. Auf die nächste Dokumentation über die Fallschirmjäger über Kreta, die ich nicht gucken muss, weil Opi mir das schon alles erzählt hat…

Großvater
2. Wir trennen uns nicht, weil wir Angst vor der Zukunft haben.

Okay. Jetzt haben wir besprochen, warum wir uns gerade von Gegenständen mit einem hohen emotionalen Wert nicht gerne Trennen. Aber wie sieht es mit den anderen Dingen aus? Mit den Alltagsgegenständen? Nun, ein bisschen sind sich auch mit der Vergangenheit verbunden. Schließlich haben wir mal Geld dafür ausgegeben. Irgendwann. Aber das viel größere Problem ist der kleine Hamster in unserem Kopf. Denn….ähnlich wie unserer Körper nach einer Diät denkt ‚Oh, das Eis pack ich auf die Hüften. Es könnte ja sein, dass bald wieder eine Hungersnot (Diät) eintrifft und dann! Ja! Dann! Dann spätestens werde ich genau diese 195 Kalorien brauchen. Du wirst mir noch dankbar sein.‘ denkt auch unser Hirn: ‚Aber stell dir mal vor, in 2 Jahren und vier Monaten brauche ich genau diesen fünfunddreißigsten Stapel ausgeblichene Post-its/Gästezahnbürsten/ Beziehungsratgeber.‘ Oder: ‚Ou! Die Hose ist zwar drei Nummern zu klein. Aber ich wollte ja eh abnehmen. In vier/sechs/zwöf Monaten passt sie bestimmt…‘ Ja richtig. Hat schließlich bis jetzt immer geklappt…

Ich seh’s dir nach. Ich bin kein bisschen besser. Aber als ich die orangerote Pappkisten-Erkenntnis hatte wurde mir klar: ich muss mich trennen. Und mit ein paar einfach Tricks, lässt es sich leichter reduzieren, als man denkt. Denn wenn man ehrlich ist, meist sind die Dinge die man hat auch Dinge, die einen belasten oder aufhalten. Nicht alle, natürlich. Und die, die man braucht, die behält man einfach.

loslassen

Mein Großvater war preußischer Soldat, stolz und aufrecht. Verwundeter Fallschirmjäger,  Doktor der Physik. Spielte Geige und Klavier. Sprach Englisch und Französisch und im Zweifel auch jede andere Sprache, die man von ihm verlangte. Uns Kinder interessierte das ehrlich gesagt kein bisschen. Opi war super. Er spielte mit uns Gesellschaftsspiele, erklärte uns die Welt und, am aller wichtigsten: er ließ uns manchmal heimlich einen ganzen Zuckerwürfel naschen. Einfach so.

In den letzten Jahren seines Lebens, kurz nachdem meine Großmutter gestorben war, baute er rapide ab. Wie so viele Großväter, die noch zu stark sind um einfach einzuschlafen. Er wurde müder und schwächer. Verlor Kontrolle und Übersicht, war mal herrisch und mal zornig und vergaß, dass 90 seiner 92 Lebensjahre geprägt von Glück, Gesundheit und Zufriedenheit waren. Und, dass wir ihn alle lieb hatten.

Meine Mutter sagte uns irgendwann im August oder im September, dass sie nicht denke, dass wir ihn überhaupt noch besuchen sollten. Es reiche wenn sie das mache. Sie hatte Angst, dass wir vergessen würden, wie er einmal war. Dass wir ihn als dementen, verwirrten alten Mann behalten würden und nicht als den stolzen, starken Soldaten, der er immer war.

Am 18. Oktober erhielt ich den Anruf meiner Mutter. ‚Endlich!‘ dachte ich, denn ich wusste, dass es Zeit gewesen war. Und er hatte es auch gewusst. Heute, ein gutes halbes Jahr später, blättere ich mich durch die ganzen Kinderalben, die meine Mutter mit viel Liebe für uns angefertigt hat. Ich sehe mich und meinen Großvater. Am Klavier, beim tanzen, auf dem Sofa.
Ich erinnere mich nur an meinen wunderbaren starken Opi und vermisse die orangerote Pappkiste kein klitzekleines bisschen.

 

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  1. says

    Schließe mich Marie an – bin auch sehr gerührt!
    Dein zuckersüßes Briefchen kam heute an – ich schicke diese Woche sofort noch eine längere Kette! ♥ ♥ ♥

  2. says

    Liebe Lina
    Mal wieder ein ganz feinfühliger, toller Beitrag. Ich staune immer wieder über deine philosophischen Gedanken und deine Offenheit/Ehrlichkeit!
    Vielen Dank!
    Alles Liebe
    Regina

    • Lina says

      Hach Regina, Öl im Feuer meines Bloggens! Danke für dein liebes Feedback! :)

  3. says

    Ganz zufällig bin ich hier gelandet und nicht mehr weg gekommen. Vielen Dank für solch wunderschön geschriebene Beiträge. Du teilst Persönliches ohne Nabelschau, aber mit der Einladung und dem Anstoss zum Nachdenken. Das tut gut und ich vermisse es sonst oft auf vielen Blogs. Und bei aller Sentimentalität probe ich auch seit längerem das Loslassen von (schönem und unschönen, sinnvollen und unnötigen) Ballast. es ist schön zu lesen, wie Du die Reduzierungen in all den vielen Lebensbereichen angehst. Ich lese gerne weiter mehr davon!

    • Lina says

      Liebe Maie-Brit,

      vielen Dank für deine lieben Worte! Deine Rückmeldung bedeutet mir wirklich sehr viel. Denn es besteht immer ein gewisses Risiko, dass man zu viel erzählt, zu viel preisgibt. Deine Wertschätzung treibt mich an und macht mir Mut!

      Alles Liebe,
      Lina

  4. juliane says

    liebe lina,
    ganz unbekannt, aber mit tränen in den augen sage auch ich einfach erstmal nur ‚danke‘ für diesen wunderbaren, herzstupsenden artikel, der noch eine weile in mir vor sich hin arbeiten darf.

    ganz viel liebe und achtung für die kleinen besonderen momente mit tollen opas und omas (und auch allen anderen lieben menschen)

    juliane

    • Lina says

      Liebe Juliane,

      was bist du lieb, deine Gedanken mit mir zu teilen! Danke! schön, dass ich dich zur Leserin habe!

      Alles Liebe!