Detox für deine Welt – Zero Waste mit Shia Su

Cakeinvasion Shia Vegan

Als ich an einem verregneten Montag in einem Bochumer Café ankomme, sitzt Shia bereits in einem Sessel und nippt an ihrem Kaffee. Ich bin ein bisschen aufgeregt. Seit mehreren Jahren lese ich Shias veganen Backblog. Aber das allein wäre vielleicht noch kein Grund, sich mit ihr zu einem so wunderbaren Gespräch zu treffen. Shia hat sich vor ein paar Monaten für den Zero Waste Lebensstil entschieden. Sie versucht so gut es geht, Müll zu vermeiden. Wie ihr das gelingt, verrät sie im Interview.

Erzähl doch mal davon, wie du überhaupt auf die Idee gekommen bist, den ‚Zero Waste‘ Lifestyle zu leben.

Ich bin tatsächlich in einer veganen Facebookgruppe das erste mal auf einen Fernsehbericht über die Französin Bea Johnson gestolpert, die wohl die bekannteste Verfechterin des Zero-Waste-Lifestyles ist. Mit ihrer vierköpfigen Familie lebt sie in San Francisco und produziert im Jahr nicht mehr Müll als in ein großes Konservenglas passt. Gerade in Amerika ist das besonders herausfordernd. Dort ist es zum Beispiel üblich, den Einkauf an der Kasse direkt und unaufgefordert in mehrere Tüten gepackt zu bekommen.
Ihre Geschichte hat mich sehr beeindruckt und so fing ich an, zu recherchieren. Ich habe mir gedacht: das muss doch auch in Deutschland gehen! Aber alle mit denen ich am Anfang gesprochen habe dachten, ich sei verrückt.
In dem Zusammenhang bin ich auch das erste mal auf den ersten verpackungsfreien Supermarkt in Kiel gestoßen und ich hab mich gefragt, ob das nicht zukunftsträchtig wäre. Hier in Bochum habe ich keinen verpackungsfreien Supermarkt. Der nächste wäre in Bonn. Insgesamt gibt es in Deutschland leider nur vier oder fünf Stück. Der bekannteste davon ist wohl der in Berlin, der mittlerweile sogar zu einer Touristenattraktion geworden ist.

Was waren deine ersten Schritte, als du dich entschieden hast umzusteigen?

Als allererstes habe ich mich entschieden, erst einmal nichts neues zu kaufen. Ich habe alle meine Schränke geöffnet und eine Bestandsaufnahme gemacht. So viele Dinge lagern schon seit Jahren ungenutzt in der Ecke weil man sie irgendwann gekauft hat und nie ganz aufgebraucht hat. Das ist wirklich ernüchternd. Bei uns kam es daraufhin erstmal zu einem Kaufstopp. Wir haben einfach mal alles Vorräte aufgebraucht und ich muss sagen, damit kamen wir überraschend lang über die Runden. Wir haben fast einen ganzen Monat nur von unseren Vorräten gelebt und in der Zeit ausprobiert, wie wir weitermachen können.

In welcher Hinsicht musstet ihr das ausprobieren?

Wir haben uns umgeschaut, wo es was ohne Verpackung gibt. Wir haben uns Wäschenetze besorgt, die heute die dünnen Plastiktüten für Obst- und Gemüse ersetzen. Die konventionellen Supermärkte hatten damit zum Beispiel überraschenderweise gar kein Problem. In den Bio-Märkten ist man sogar richtig begeistert von der Idee mit den Wäschenetzen. Dann haben wir überlegt wie man Waschmittel, Shampoo und so weiter ersetzen kann. Wir haben gelernt, diese Produkte selbst herzustellen und sind auch dabei geblieben. Meine Haare wasche ich jetzt mit Roggenmehl, mein Mann verwendet Shampooseife, die man ebenfalls ohne Verpackung bei Lush kaufen kann. Für meine Haut verwende ich Öl. Dabei habe ich mich lange durchprobiert und bin jetzt bei einer Mischung aus Oliven- und Kokosöl gelandet, die ich optimal vertrage. Alles was wir neu gebraucht haben, haben wir wiederum nur in so kleinen Mengen gekauft, dass wir auch sicher alles aufbrauchen würden. Bis wir aber wussten, womit wir wie gut klarkommen, haben wir probiert und probiert. Das ist eben ein Prozess.

Das scheint ja eigentlich alles sehr machbar. Was war für dich die drastischste Veränderung?

Das Bewusstsein. Das Bewusstsein für Müll und überflüssige Verpackungen zu schulen ist wirklich wichtig. Die meisten von uns haben eine, wie ich sie gerne nenne, Müllblindheit. Die meisten von uns sind schlicht und ergreifend müllblind. Schließlich haben viele von uns sich noch nie Gedanken darüber gemacht, dass Folien, Tüten und andere Verpackungen Müll sind. Ich zum Beispiel hielt mich immer für sehr ökologisch, weil ich im Drogeriemarkt nur die Taschentücher aus Recyclingpapier gekauft habe. Tatsächlich sind die aber wieder in kleine Plastikhüllen verpackt und dann von einer großen Tüte umschlossen. Die Papiertaschentücher selbst werden genau einmal verwendet und dann weggeworfen.

Ich gestehe, dass auch ich die Ökotaschentücher kaufe. Aus dem gleichen Grund. Verrückt. Und ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht. Wo hattet ihr denn die größten Schwierigkeiten bei der Umstellung?

Beim auswärts Essengehen. Oder auch was zu trinken. In vielen Cafés ist zwischen Tasse und Untertasse ein kleines hübsches Papier. Das braucht eigentlich kein Mensch. Man weiß auch nicht immer, ob da eins ist oder nicht. Abbestellen kann man es in dem Sinne auch nicht. Das gleiche gilt für Besteck. Das ist oft in Papierservietten eingerollt, die man einfach nicht braucht. Es wird leichter, wenn man häufiger in die gleichen Restaurants geht. Uns kennt man mittlerweile. Die Cafés und Restaurants in die wir gehen haben sich darauf eingestellt. Ein gutes Trinkgeld kann da ebenfalls helfen. Und noch schwieriger wird es bei Kosmetikartikeln. Ich kann hier in Bochum mal eben mit der Bahn nach Essen fahren und zum Beispiel bei Lush einkaufen, die auch Shampooseifen herstellen, die keine Verpackung brauchen. Oder ich fahre ebenfalls nach Essen zu Veganz, um dort meine Haferflocken und veganen Gummibärchen in meine eigenen Gläser abzufüllen. Für Menschen, die auf dem Land leben wird es da schon schwieriger.

Und wie sieht es mit Lebensmitteln aus?

Ich kaufe gerne in den vielen kleinen Bochumer Gemüseläden. Die Leute dort kennen mich auch schon. Da gibt es auch mal ganz unverpackte Produkte, z.B. Olivenölseife, auf denen noch nicht mal ein Aufkleber klebt oder eine Antipasti-Theke, wo ich mir ebenfalls meine Oliven in ein mitgebrachtes Glas füllen lasse. Komplizierter wird es bei den Ölen, die ich verwende. Während ich Essig in Biomärkten auch schon in Mehrwegflaschen gefunden habe, ist mir das mit Öl noch nicht gelungen.

Aha, das heißt auch Glasflaschen gelten für dich als Müll?

Ja. Ich kaufe immer noch Dinge in Papier- oder Glasverpackungen, wenn es wirkliche keine Alternativen gibt. Das macht mir keinen Spaß. Ich versuche dann auch so gut ich kann den Konsum dieser Produkte zu reduzieren. Bei Öl ist das nicht so leicht. Das brauche ich auch zum Beispiel zum Backen. Die vegane Margarine, die ich manchmal verwende ist leider auch in Pergament eingeschlagen, das sich genauso schlecht zersetzt wie Plastik. Selbst bei Salz und Gewürze, die ich in Papierverpackung finde ist die Verpackung zum Teil problematisch. Für Hochglanzbeschichtungen wird zum Beispiel auch Plastik verwendet. Das mach im nächsten Schritt dann wieder das Recycling des Papiers schwierig.

Auf deinem Instagramaccount habe ich gesehen, dass du auf Veranstaltungen, wo es Foodtrucks und so weiter gibt, dein eigenes Geschirr mitbringst. Gibt es noch mehr solcher Tricks?

Planung ist eine gute Sache. Ich habe immer Beutel und Wäschenetze dabei. Die einzelnen Beutel benutze ich nur für eine Gruppe Lebensmittel. Zum Beispiel einen nur für Backwaren. Außerdem habe ich oft ein sauberes Geschirrtuch dabei. Wenn ich zum Beispiel auf dem Heimweg Lust auf einen veganen Dūrūm habe, lass ich ihn mir ohne Papier, Folie, Serviette und Plastiktüte über die Theke reichen und wickele ihn in mein Handtuch. Passen drei Stück rein, klappt super. Seit ich nicht mehr im Büro eines Unternehmens arbeite, trage ich keine Handtasche mehr. Ich habe jetzt einen Rucksack, den ich immer mitnehme, was es einfacher macht, diese Sachen dabei zu haben. Zu Hause sortiere ich sukzessive Plastik aus und ersetze Dosen und Behälter durch Weckgläser.

Wenn dich jemand fragen würde ‚Shia, ich würde auch gerne anfangen, mehr Müll zu vermeiden, kann mein Leben aber nicht so radikal umstellen wie du. Was ist das Wichtigste, das ich beachten muss?

Ich denke, es fängt bei der Einstellung an. Man sollte sich im ersten Schritt mal Gedanken darüber machen, was man reduzieren kann. Minimalismus ist der Schlüssel zum Erfolg. Man sollte sein Konsumverhalten überdenken und eine Antwort zu der Frage finden: ‚Was brauche ich wirklich?‘ Und wenn man sich dann darauf beschränkt, ist man schon einen großen Schritt gegangen. Wenn man sich dann überlegt ‚Was brauche ich NICHT?‘, dann kommt man schnell zu der Erkenntnis, dass eine Menge Müll wegfallen könnte, wenn man nur die notwendigen Dinge kauft. Es ist offensichtlich, dass man nicht fünf verschiedene Muffinformen braucht. Oder dass man sich nicht andauernd neue Kleidung kauft. Selbst bei Kleidung fällt Verpackungsmüll an. Ich habe mir angewöhnt, Dinge aufzubrauchen. Zwar kaufe ich mir keinen neuen Nagellack mehr, aber ich die Fläschchen, die ich noch habe brauche ich auf oder verschenke sie. Wenn ich ausmiste, packe ich guterhaltene Dinge in einen Karton, aus dem sich dann meine Freunde bedienen können, wenn sie vorbeischauen. Ich stelle die Sachen auch bei den lokalen Facebook-Gruppen zum Verschenken oder manchmal zum Verkaufen ein. Dann landen die Sachen auch bei Leuten, die sie weiter benutzen und nicht irgendwo im Müll. Und man lernt so mitunter auch sehr nette und interessante Menschen kennen.

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  1. says

    liebe Lina, ich danke dir für dieses spannende und inspirierende Interview! Das Thema Zerowaste bzw. Precycling interessiert mich auch schon länger sehr und ich habe auch schon 2x über damit zusammenhängende Projekte gebloggt und werde es auch demnächst wieder tun 😉 Auf Food- und Lifestyleblogs ist das meiner Meinung nach noch ein viel zu wenig besprochenes Thema! Ganz weit oben steht für mich eindeutig die Plastikvermeidung, das ist quasi mein special ennemy. Die Verpackungen, die Plastiktüten und solche banalen Dinge wie Plastikspülschwämme – die benutzt man vielleicht maximal 2 Wochen und dann haben sie locker über 250 Jahre Zeit bis sie sich langsam auflösen, allerdings in Bestandteile, die vermutlich auch des Teufels sind… da greife ich schon lange wieder zur unverwüstlichen Bürste! :)
    Toll, dass du auf Shia’s Projekt aufmerksam gemacht hast! Gerne mehr davon :)
    Ich drück dich und schicke dir liebe Grüße aus Berlin!

    • Lina says

      Vielen Dank für diesen tollen, motivierenden Kommentar, meine liebe Theresa! Du hast völlig recht. zu wenig zu diesem Thema überall auf dieser Welt (vor allem in der industrialisierten!). Die mir von dir empfohlene Dariadaria setzt was das angeht tolle neue Maßstäbe. Ich denke, wir bewegen uns langsam in die richtige Richtung (langsam).

      Ich drück dich und grüße dich lieb!
      Lina

  2. Andrea says

    Interessanter Artikel! Ich interessiere mich für Müllreduzierung. Brötchen und loses Obst nehme ich auch ohne Tüte, die Idee mit dem Wäschenetz ist super, da ich Obst und Gemüse einfach so auf’s Band lege. Ich müsste standhafter sein und einige Dinge einfach nicht mehr kaufen!

    • Lina says

      Liebe Andrea,

      das kann ich total nachempfinden. Aber ich denke, der Weg ist das Ziel. Und das ist ja auch das, was Shia betont: ein Umdenken ist gefordert. Irgendwann kann man sich dann einfach nicht mehr überwinden in Plastikfolie gewickeltes Gemüse zu kaufen o.ä.

      Weiter so!
      Lina